Vierter Teil der Artikelserie „Das Gespür des CEO": Aufbau eines Ökosystems
Vom akademischen Ursprung bis zum Zeitalter der KI: Warum ökologisches Denken ein gegenintuitives Pflichtfach ist
Am 24. Juli 2026 veröffentlichte Jensen Huang seinen ersten Tweet auf X.
Der CEO des einflussreichsten KI-Chipherstellers der Welt war bisher in sozialen Medien völlig abwesend. Die Leute vermuteten, dass sein erster Tweet eine Produktneuheit, ein Quartalsfinanzbericht oder zumindest ein markantes Selfie in Lederjacke sein würde. Aber er wählte etwas anderes – einen gemeinsamen offenen Brief mit dem Titel „Offene Gewichtungen und die amerikanische KI-Führungsrolle“.
25 Unternehmen unterzeichneten gemeinsam: Nvidia, Meta, Microsoft, IBM, Dell, Mistral, Hugging Face, Perplexity, a16z, Y Combinator … die gesamte Wertschöpfungskette von Hardware, Modellen, Anwendungen und Investitionen abdecken. Dagegen fehlen OpenAI, Anthropic und Google – die drei Giganten der amerikanischen geschlossenen KI – vollständig.
Dieser Tweet an sich ist nicht kompliziert. Aber wenn du die Logik dahinter verstehst, erkennst du: Das ist kein Tweet über Open Source, sondern eine Erklärung über Ökosystem.
Das Wort „Ökosystem“ ist heute überstrapaziert. Jedes Unternehmen spricht vom „Aufbau eines Ökosystems“, jeder Gründer zeichnet ein „Ökosystemdiagramm“. Aber wenn Jensen Huang es mit seinem ersten Tweet definiert, lohnt es sich, innezuhalten und eine grundlegendere Frage ernsthaft zu stellen: Was ist ein Ökosystem eigentlich? Woher kommt es? Warum ist es im KI-Zeitalter plötzlich die grundlegende Grammatik allen Wettbewerbs?
I. Die Genealogie des Begriffs: Von oikos zum Ökosystem
Um Ökosystem zu verstehen, muss man zuerst zu seinem Wortursprung zurückkehren.
1866 prägte der deutsche Biologe Ernst Haeckel das Wort „Ökologie“, abgeleitet vom griechischen oikos – „Haus“ oder „Wohnort“. Haeckels Definition ist schlicht und präzise: Ökologie ist die Wissenschaft von den Wechselbeziehungen zwischen Lebewesen und ihrer Umwelt. Achte darauf: Das Schlüsselwort hier ist nicht „Lebewesen“, sondern „Wechselbeziehungen“. Von Anfang an war Ökologie keine Untersuchung einer einzelnen Entität, sondern eine Untersuchung von Beziehungen.
Aber Haeckels Ökologie konzentrierte sich hauptsächlich auf die Beziehung zwischen einzelnen Lebewesen und ihrer Umwelt. Derjenige, der den Blick wirklich auf die Systemebene lenkte, war ein anderer Brite.
1935 stellte der britische Ökologe Arthur Tansley in seiner Arbeit „The Use and Abuse of Vegetational Concepts and Terms“ erstmals den Begriff „Ökosystem“ vor. Er schrieb:
„Für mich ist das grundlegende Konzept das gesamte System (im physikalischen Sinne), das nicht nur die komplexe Zusammensetzung der Organismen, sondern auch die komplexen physikalischen Elemente umfasst, die wir Umwelt nennen, die zusammen ein physisches System bilden … Wir können es Ökosystem nennen.“
—— Arthur Tansley, 1935
Tansleys revolutionäre Leistung bestand darin, dass er die Tradition der getrennten Untersuchung von Lebewesen und Umwelt brach. Vor ihm untersuchten Biologen Lebewesen und Physiker die Umwelt, ohne sich gegenseitig zu stören. Tansley sagte, das geht nicht – Lebewesen und Umwelt sind ein untrennbares Ganzes, Stoffe zirkulieren zwischen ihnen, Energie fließt zwischen ihnen. Wenn du einen Fisch aus dem Wasser nimmst, um ihn zu untersuchen, ist das keine Ökologie mehr.
Sieben Jahre später stellte der amerikanische Ökologe Raymond Lindeman bei seiner Untersuchung des Sees Cedar Bog Lake in Minnesota das „Ökologische Pyramiden“-Gesetz und das „Zehn-Prozent-Regel“ auf: Bei der Übertragung von Energie zwischen den trophischen Ebenen gelangen nur etwa 10 % zur nächsten Ebene, der Rest geht als Wärme verloren. Das war das erste Mal, dass mit quantitativen Methoden bewiesen wurde: Ein Ökosystem ist ein strukturiertes Energieflussnetzwerk, keine zufällige Ansammlung von Arten.
1953 veröffentlichte Eugene Odum das Buch „Grundlagen der Ökologie“ und etablierte das Ökosystem offiziell als grundlegende Einheit der Ökologie – gleichwertig mit der „Art“ in der Taxonomie. Seitdem entwickelte sich die Ökologie von der „Untersuchung von Individuen“ zur „Untersuchung von Systemen“.
Der entscheidende Wendepunkt
Von Haeckel bis Odum brauchte die Ökologie fast 90 Jahre, um einen Paradigmenwechsel zu vollziehen: Von der „Untersuchung von Entitäten“ zur „Untersuchung von Beziehungen“. Dieser Wandel wurde später zum Grundstein aller interdisziplinären Anwendungen. Wenn du „Fisch und Wasser“ durch „Unternehmen und Markt“, „Chips und Entwickler“, „Modelle und Anwendungen“ ersetzt – verwendest du dieselbe Denkgrammatik.
II. Systemtheorie: Eine weitere parallele Linie
Zur selben Zeit, als Tansley das „Ökosystem“ vorschlug, arbeitete ein österreichischer theoretischer Biologe auf einem anderen Weg an ähnlichen Dingen.
Ludwig von Bertalanffy veröffentlichte 1932 sein Werk „Theoretische Biologie“ und stellte die „organismische Systemtheorie“ vor – betonte, dass man Organismen als Ganzes untersuchen muss, nicht in Einzelteile zerlegen. 1937 stellte er auf einem philosophischen Symposium an der University of Chicago erstmals das Konzept der „Allgemeinen Systemtheorie“ vor.
Bertalanffys zentrale Erkenntnis lautet: Systeme in verschiedenen Bereichen weisen strukturelle Isomorphien auf. Eine biologische Zelle, eine soziale Organisation, eine Maschine – obwohl ihre Materialien völlig unterschiedlich sind, folgen sie als „System“ bestimmten gemeinsamen Regeln: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, Systeme müssen mit der Umwelt Stoffe und Energie austauschen (offene Systeme), Systeme haben eine hierarchische Struktur und Systeme sind zielorientiert.
1948 erläuterte Bertalanffy diese Idee systematisch bei Vorlesungen in den USA. Im selben Jahr veröffentlichte Norbert Wiener das Buch „Kybernetik“ und stellte das Konzept der Rückkopplungsschleife vor. Beide Ströme zusammen mit der Informationstheorie bildeten die Welle der „Systemwissenschaft“ Mitte des 20. Jahrhunderts. 1954 gründeten Bertalanffy, der Ökonom Boulding, der Neurobiologe Gerard und der Mathematiker Rapoport gemeinsam die „Gesellschaft für die Erforschung der Allgemeinen Systemtheorie“ – vier Wissenschaftler aus vier Disziplinen, das zeigt schon den interdisziplinären Charakter des systemischen Denkens.
1968 veröffentlichte Bertalanffy das Werk „Allgemeine Systemtheorie: Grundlagen, Entwicklung, Anwendung“. Die zentrale These dieses grundlegenden Werks lässt sich mit einem Satz von Aristoteles zusammenfassen: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
1866 Haeckel prägt das Wort „Ökologie“ und definiert es als „Wissenschaft von den Wechselbeziehungen zwischen Lebewesen und Umwelt“
1932 Bertalanffy veröffentlicht „Theoretische Biologie“ und stellt die organismische Systemtheorie vor
1935 Tansley führt das Konzept des „Ökosystems“ ein
1937 Bertalanffy stellt erstmals die „Allgemeine Systemtheorie“ an der University of Chicago vor
1942 Lindeman stellt das Ökologische Pyramiden-Gesetz und das Zehn-Prozent-Regel auf
1948 Bertalanffy lehrt Allgemeine Systemtheorie in den USA; Wiener veröffentlicht „Kybernetik“
1953 Odums „Grundlagen der Ökologie“ erscheint, das Ökosystem wird zur grundlegenden Einheit der Ökologie
1968 Bertalanffys „Allgemeine Systemtheorie“ erscheint, die Systemtheorie erlangt ihren Status als eigenständige Disziplin
1990 Peter Senges „Die Fünfte Disziplin“ erscheint, systemisches Denken hält Einzug in die Managementpraxis
1993 James F. Moore stellt in der „Harvard Business Review“ das „Geschäftsökosystem“ vor
III. Die Geburt des Geschäftsökosystems: Moores grenzüberschreitender Sprung
Für die Ökologie gibt es Haeckel, für die Systemtheorie Bertalanffy – aber wer steht für das Geschäftsökosystem?
Im Mai 1993 veröffentlichte James F. Moore einen Artikel in der „Harvard Business Review“ mit dem Titel „Raubtiere und Beute: Eine neue Ökologie des Wettbewerbs“. Dieser Artikel gewann den McKinsey-Preis des Jahres – den besten HBR-Aufsatz des Jahres.
Moore tat etwas Einfaches, aber Mutiges: Er übertrug das Konzept des Ökosystems von Tansley direkt auf die Geschäftswelt. Er schrieb:
„Ein Geschäftsökosystem ist eine wirtschaftliche Gemeinschaft aus interagierenden Organisationen und Einzelpersonen, die wertvolle Waren und Dienstleistungen für Kunden herstellt. Zu den Mitgliedern gehören Lieferanten, Hauptproduzenten, Wettbewerber und andere Stakeholder. Im Laufe der Zeit entwickeln sie gemeinsam ihre Fähigkeiten und Rollen weiter und neigen dazu, sich an die Richtung zu halten, die von einem oder mehreren Kernunternehmen vorgegeben wird.“
—— James F. Moore, 1993
Beachte, welche ökologischen Metaphern Moore verwendet: Unternehmen sind wie Organismen in die Geschäftsumwelt „eingebettet“, müssen mit anderen Unternehmen „gemeinsam evolvieren“, und ihre „ökologische Nische“ wird von „neuen Arten“ herausgefordert. Das bedeutet, dass Unternehmen nicht nur auf ihre Konkurrenten achten dürfen, sondern aktiv „symbiotische“ Beziehungen zu Kunden, Lieferanten und sogar Konkurrenten aufbauen müssen.
1996 erweiterte Moore diese Idee zu dem Buch „Der Untergang des Wettbewerbs: Führung und Strategie im Zeitalter des Geschäftsökosystems“. Er stellte vier Evolutionsphasen des Geschäftsökosystems vor:
Moores Rahmen funktioniert bis heute noch gut. Wende ihn auf Nvidia an: CUDA ist der Samen in der Phase der „Erschließung“, der in den letzten 20 Jahren ständig „expandiert“ – Entwickler anzieht, die Installationsbasis ausbaut und in neue Branchen vordringt, und befindet sich jetzt in der Phase der „Führung“ – die Branchenstandards für KI-Berechnung festlegt. Und Jensens erster Tweet ist im Wesentlichen genau das, was in der Phase der „Führung“ getan werden muss: Die eigene Kernposition durch die Verteidigung des offenen Ökosystems zu festigen.
IV. Jensens erster Tweet: Ein lehrbuchhafter Beispiel für ökologisches Denken
Kehren wir zurück zu diesem Tweet und zerlegen wir ihn sorgfältig.
Jensen schrieb:
„KI wird jede Branche verändern, jedes Unternehmen befähigen und von jedem Land entwickelt werden. Open-Source-Modelle stärken Sicherheit und Cybersicherheit, beschleunigen Innovation und Verbreitung und ermöglichen Souveränität. Die Welt braucht sowohl hochmoderne geschlossene Modelle als auch hochmoderne Open-Source-Modelle.“
—— Jensen Huang, X, 24. Juli 2026
Dieser Text scheint über Open Source zu sprechen, zeigt aber tatsächlich drei Ebenen des ökologischen Denkens:
Erste Ebene: „Open Source“ in „Ökosystemblüte“ übersetzen
Jensen ist kein Open-Source-Idealist. Nvidia verkauft Chips. Je blühender die Open-Weight-Modelle, je größer die Entwicklerbasis und je reicher die Anwendungszenarien, desto stärker wächst die Nachfrage nach GPU-Rechenkapazität exponentiell. Im offenen Brief steht es direkt: Das Kriterium für die Messung der amerikanischen KI-Führungsrolle ist „nicht die Stärke eines einzelnen hochmodernen Modells, sondern ob ein robustes, offenes Ökosystem aufgebaut werden kann, das alle Branchen durchdringt“.
In einfachen Worten: Es ist mir egal, wer das stärkste Modell baut, es ist mir wichtig, wie blühend das gesamte Ökosystem ist – denn je blühender das Ökosystem, desto mehr Chips verkaufe ich.
Das ist nicht altruistisch, sondern die höchste Form des Egoismus. Jensens ökologische Logik ist ein perfekter positiver Rückkopplungs-Flywheel: Offene Modelle → Entwickler strömen zu → Anwendungen explodieren → Nachfrage nach Rechenkapazität steigt sprunghaft → Nvidias GPUs sind knapp → Einnahmen steigen → mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung → stärkere Rechenkapazität → mehr Leute sind von der Nvidia-Plattform abhängig.
Zweite Ebene: Ökosystem-Mobilisierung durch die „25 gemeinsamen Unterzeichner“
Achte auf die 25 Unterzeichner. Sie sind nicht zufällig ausgewählt – Hardware (Dell), Modelle (Meta, Mistral), Plattformen (Hugging Face), Anwendungen (Perplexity, ServiceNow, Palantir), Investitionen (a16z, Y Combinator), Infrastruktur (Linux Foundation, Mozilla), Unternehmensdienstleistungen (IBM, Box, Replit). Das ist eine vollständige KI-Wertschöpfungskette.
Jensen spricht nicht allein, er betreibt Ökosystem-Mobilisierung – er zieht alle Beteiligten der Wertschöpfungskette auf denselben Brief, um eine Interessengemeinschaft zu bilden. Wenn OpenAI und Anthropic sich weigern zu unterschreiben, wird das Signal dieses Briefes noch klarer: Das ist keine technische Debatte zwischen Open Source und Closed Source, sondern die Konfrontation zweier Lager mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen. Auf der einen Seite die Logik des „Ökosystem-Sharing“ – der Kuchen wird größer, alle bekommen etwas davon; auf der anderen Seite die Logik der „Barrieren-Monopolisierung“ – die wertvollsten Dinge werden weggesperrt, um hohe Preise durch technischen Vorsprung zu erzielen.
Dritte Ebene: Politische Spiele in die Ökosystem-Strategie einbinden
Der Zeitpunkt dieses Tweets ist keineswegs zufällig. Die US-Regierung diskutiert über Beschränkungen des grenzüberschreitenden Flusses von KI-Modellgewichten, während OpenAI und Anthropic die Regulierer für das Risiko des „Destillierens“ überzeugen wollen – dass Konkurrenten die Fähigkeiten fortschrittlicher Modelle durch API-Aufrufe replizieren können. Jensen wählt diesen Zeitpunkt, um mit dem Gewicht von 25 Unternehmen die Richtung der Politik zu beeinflussen.
Der Brief verwendet sogar einen historischen Vergleich: Er vergleicht die heutige Debatte über Open-Source-KI mit dem Aufstieg von Open-Source-Software in den 1980er Jahren. Frühe Open-Source-Pioniere brachen die traditionelle Vorstellung, dass „Fortsch