Rutscht die Welt von den "1920er Jahren" in die "1930er Jahre"?
In der kalten Davoser Luft haben die weltweit führenden Finanzexperten gewarnt: Die unkontrollierte Staatsfinanzierung und die geopolitische Spaltung könnten die Produktivitätsgewinne, die durch Künstliche Intelligenz (KI) erzielt werden, aufwiegen.
Bei einer wichtigen Podiumsgesprächsrunde am zweiten Tag des Weltwirtschaftsforums 2026 waren der CEO des weltweit größten Vermögensverwaltungsunternehmens BlackRock, der sogenannte "Patriarch von Wall Street", Larry Fink (verwaltet 14 Billionen US-Dollar an Vermögen), der Gründer eines der erfolgreichsten Hedgefonds, Ken Griffin von Citadel Securities (verwaltet 65 Milliarden US-Dollar an Vermögen), die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde sowie der bekannte Wirtschaftsgeschichtsforscher Adam Tooze zusammen.
Bild: Von links nach rechts sind es der Davos-Moderator Andrew, der BlackRock-CEO Larry Fink, der Citadel Securities-Gründer Ken Griffin, der bekannte Wirtschaftsgeschichtsforscher Adam Tooze und die EZB-Präsidentin Lagarde.
In diesem Gespräch, das von Griffin als "Verdruss und Desaster (gloom and doom)" bezeichnet wurde, haben die Gäste gründlich analysiert, wie der technologische Aufbruch in der KI, die steigenden Staatsverschuldungen und die geopolitische Fragmentierung die Weltwirtschaft an einen gefährlichen Kreuzweg bringen, der stark an die Zeit vor der Weltwirtschaftskrise 1929 erinnert - eine Zeit, in der nach einem technologischen Rausch die Weltwirtschaft in die Große Depression abrutschte.
Zusammenfassung der Kernpunkte:
- Historisches Spiegelbild:
Die EZB-Präsidentin Lagarde und der Historiker Adam Tooze haben gewarnt, dass die aktuelle Situation mit "technologischem Boom + Handelsschutz + geopolitischer Spaltung" erstaunlich ähnlich der Entwicklung von den 1920er Jahren in die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre ist.
- Schuldenkrise:
Der Citadel Securities-Gründer Ken Griffin hat die "unüberlegten Ausgaben" der Regierungen (insbesondere der Vereinigten Staaten) als die größte Bedrohung für den aktuellen Markt bezeichnet, nicht das private Kapitalmarktsegment. "Fast alle Regierungen übertreiben es bei den Ausgaben, ohne nennenswerte Ausnahmen."
KI ist kein Blasenphänomen, aber es gibt einen K-förmigen Wohlstandsgefälle: Der BlackRock-CEO und "Patriarch von Wall Street" Larry Fink ist der Meinung, dass die KI kein Blasenphänomen ist, aber zu einem "Gewinner-takes-all"-Szenario führen wird. Großkonzerne mit Skalenvorteilen und Zugang zu Daten (wie Walmart) werden ihre Konkurrenten unterdrücken. Lagarde hat angegeben, dass die Entwicklung eines führenden KI-Modells 1 Milliarde US-Dollar kostet. Griffin schätzt, dass die Kapitalausgaben für Datencentren in den Vereinigten Staaten in diesem Jahr auf 600 Milliarden US-Dollar steigen werden.
Zölle und Fragmentierung gefährden die Expansion der KI: Die EZB-Präsidentin Lagarde hat gewarnt, dass die geopolitische Spaltung und der Handelsschutz den Datenfluss und den Zugang zu Energie, die für die KI benötigt werden, behindern und so die Effizienz senken werden.
- Zollkosten:
Lagarde hat darauf hingewiesen, dass die Zölle zwischen Europa und den USA von 2 % auf 15 % steigen. Griffin hat gewarnt, dass Zölle in Wirklichkeit eine regressive Steuer für die US-Verbraucher und -Unternehmen darstellen und möglicherweise zu Klientelkapitalismus führen könnten, der die Innovationskraft kleiner und mittlerer Unternehmen ersticken würde.
- Unabhängigkeit der Zentralbank:
Angesichts des politischen Drucks hat Lagarde erneut die Wichtigkeit der Unabhängigkeit der Zentralbank betont und darauf hingewiesen, dass die Finanzkonsolidierung nicht von der Zentralbank übernommen werden kann.
Die Wiederholung der Geschichte ablehnen, aber auf die Ähnlichkeiten achten
"Mark Twain hat einmal gesagt: Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie rimt sich." Der Historiker Adam Tooze von der Columbia University hat in seiner Einleitung direkt auf das Kernproblem hingewiesen. Er hat darauf verwiesen, dass die 2020er Jahre erstaunlich ähnlich den 1920er Jahren vor 100 Jahren sind: Damals war es der technologische Ausbruch durch die Elektrifizierung und die Ford-Fertigungsstraße, heute ist es der Aufstieg der KI; damals war es der Aufstieg der Dollar-Hegemonie, heute ist das Dollar-System unter Druck.
Das beunruhigendste Parallele liegt in der "politischen Misserfolg". Tooze hat gewarnt, dass die Menschen in den 1920er Jahren versuchten, die politischen Spalten mit Technologie und Finanzen zu kaschieren. Dieses Muster des "übermäßigen Vertrauens in Geld aufgrund eines Mangels an politischer Vorstellungskraft" führte schließlich zum Zusammenbruch des Systems.
Lagarde hat sich diesem Standpunkt angeschlossen. Sie hat ergänzt, dass der Anteil des Welthandels am Bruttoinlandsprodukt in den 1920er Jahren binnen weniger Jahre von 21 % auf 14 % fiel. Heute, obwohl noch kein Absturz eingetreten ist, unterliegt der Welthandel aufgrund der geopolitischen Fragmentierung und der Zollbarrieren einem beispiellosen Druck. Sie hat gewarnt, dass ohne ein Mindestmaß an globaler Kooperation der "Skaleneffekt", den die KI benötigt, von den fragmentierten Märkten erstickt werden wird.
Fiskalische "Unüberlegtheit": Die wirkliche systemische Gefahr
Ken Griffin, der Chef von Citadel Securities, hat eine scharfe Einschätzung über die Ursachen des aktuellen Marktrisikos abgegeben.
"Dies ist eine Geschichte über Unüberlegtheit, aber nicht die Unüberlegtheit des privaten Kapitalmarktes, sondern die unüberlegten Ausgaben der Regierungen." Griffin hat direkt darauf hingewiesen, dass im Gegensatz zu 1929, als das private Sektor überverschuldet war, das Kernrisiko im Jahr 2026 in den unkontrollierten Ausgaben der Regierungen liegt. "Fast alle Regierungen übertreiben es bei den Ausgaben, ohne nennenswerte Ausnahmen." Er hat gewarnt, dass diese finanzielle Verschwendung die Grundlagen des Marktes bedroht.
Der US-Staatsschuldenstand liegt derzeit bei 38 Billionen US-Dollar. Griffin hat die Hoffnung Washingtons in Frage gestellt, dass die KI einen enormen Produktivitätszuwachs bringen wird und so die Defizite "retten" kann. Ob dies tatsächlich möglich ist, bleibt jedoch ungewiss. Wenn die KI nicht den erwarteten Produktivitätssprung herbeiführen kann, werden diese unkontrollierten Ausgaben nicht aufrechterhalten werden können.
KI: Kein Blasenphänomen, sondern eine brutale "K-förmige" Säuberung
Larry Fink, der 14 Billionen US-Dollar an Vermögen verwaltet, hat eine mikroskopischere und brutalere Sicht auf die KI. Er hat klar gesagt: "Ich glaube nicht, dass wir in einer KI-Blase stecken, aber ich denke, dass es viele große Misserfolge geben wird."
Fink hat das Konzept der "K-förmigen Wirtschaft" eingeführt. Er hat beobachtet, dass in allen Branchen Unternehmen mit Skalenvorteilen (Scale Operators) mit Hilfe der KI schnell Abstand von kleinen und mittleren Unternehmen gewinnen. Er hat Walmart als Beispiel genannt und darauf hingewiesen, dass dessen Fähigkeit zur Lagerkontrolle und zur Analyse der Verbrauchervorlieben mit Hilfe der KI weit voraus liegt.
Die Wurzel dieses Gefälles liegt in der erstaunlichen Kapitaleintrittsbarriere. Lagarde hat vor Ort angegeben, dass die Kosten für die Entwicklung eines führenden KI-Modells heute auf 1 Milliarde US-Dollar gestiegen sind und stark von dem grenzüberschreitenden Datenfluss abhängen. Ken Griffin hat jedoch eine noch makroskopischere Zahl genannt: Nur in diesem Jahr werden die Kapitalausgaben (Capex) für Datencentren in den Vereinigten Staaten 600 Milliarden US-Dollar betragen - Larry Fink hat sogar beigefügt, dass "die tatsächliche Zahl höher sein wird".
Eine so hohe "Eintrittskarte" bedeutet, dass nur "Scale Operators" mit einer tiefen Kapitalreserve an diesem Spiel teilnehmen können. Wie Fink sagte, wird die KI nicht auf natürliche Weise "demokratisiert", sondern könnte eher die "Gewinner-takes-all"-Situation verschärfen.
Der Zoll-Rückschlag: Wer zahlt die Rechnung?
Mit der jüngsten Verschärfung der geopolitischen Spannungen ist der Zoll ein andauernder Schatten über dem Davoser Forum. Lagarde hat eine erstaunliche Statistik vorgelegt: Der durchschnittliche Zollsatz zwischen den USA und Europa ist von 2 % vor einem Jahr auf mehr als 12 % gestiegen und besteht die Gefahr, dass er weiter auf 15 % steigt.
"Wenn 96 % der Kosten dieser Zölle von den Verbrauchern getragen werden, ist dies keinesfalls gut für die Inflation", hat Lagarde gewarnt.
Griffin hat aus der Perspektive kleinerer Unternehmen die Nachteile der Zölle scharf kritisiert. Er hat darauf hingewiesen, dass Zölle nicht nur eine regressive Steuer für die Verbraucher sind, sondern auch "Klientelkapitalismus" (Cronyism) fördern können. Hinter den Zollbarrieren werden die Unternehmen, die am engsten mit Washington verbunden sind, Privilegien erhalten, und dies ist das Gift, das die Innovationskraft kleiner und mittlerer Unternehmen erstickt. Er hat darauf hingewiesen, dass sowohl BlackRock, Citadel als auch die heutigen KI-Riesen ursprünglich als kleine und mittlere Unternehmen begannen, und dass es wichtig ist, diese Marktdynamik zu schützen.
Unabhängigkeit der Zentralbank und die "letzte Verteidigungslinie"
Angesichts der hohen Schulden und der Finanzdefizite hofft der Markt oftmals, dass die Zentralbank erneut "Geld druckt, um die Märkte zu retten". Lagarde hat sich in dieser Frage hart gezeigt und das Beispiel von Paul Volcker angeführt, um zu betonen, dass die Zentralbank unabhängig bleiben muss und nicht der Finanzpolitik untergeordnet werden darf.
"Ich glaube nicht, dass die Zentralbank immer der 'einzige Retter' sein wird", hat Lagarde gesagt. Die alleinige Abhängigkeit von der Geldpolitik kann die strukturellen Finanzungleichgewichte nicht lösen.
Tooze hat ergänzt, dass das Konzept der Unabhängigkeit der Zentralbank selbst ein Produkt der 1920er Jahre war, um dem populistischen Druck entgegenzuwirken. In der heutigen extrem politischen Umgebung ist es wichtiger denn je, die "moralische Risikoabwehr" (Knave-proof) der Zentralbank aufrechtzuerhalten.
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Dieser Artikel stammt aus dem WeChat-Account "Wall Street Insights", Verfasser: Long Yue, veröffentlicht von 36Kr mit Genehmigung.