Ist Anthropic zwei Billionen US-Dollar wert?
Wenn nichts Unerwartetes passiert, werden wir möglicherweise das größte IPO aller Zeiten bis zum Ende des Jahres erleben.
Mehrere Medien berichten, dass Anthropic eine Börsennotierung mit einer Bewertung von 2 Billionen US-Dollar anstrebt und plant, etwa 1000 Milliarden US-Dollar einzusammeln. Zum Vergleich: Die von Musk nach der Zusammenlegung von SpaceX und xAI im Juni dieses Jahres angestrebte IPO-Bewertung belief sich lediglich auf 1,77 Billionen US-Dollar.
Doch je näher der Börsentermin rückt, desto mehr beginnt der Markt, die extrem hohe Bewertung von Anthropic in Frage zu stellen. Bei einem kürzlich von Anthropic veranstalteten Investorentag haben einige Investoren begonnen, Anthropic mit einer Bewertung von 1,5 Billionen US-Dollar zu bewerten.
Der unmittelbare Auslöser ist, dass das Wachstumstempo von Anthropic nicht mehr anhält. Obwohl Anthropic am Investorentag mitteilte, dass der sequenzielle Umsatzanstieg im dritten Quartal dieses Jahres immer noch 45 % betrug und der Quartalsumsatz mehr als das Dreifache des gesamten Vorjahresumsatzes erreichte, ist er gegenüber dem Wachstum von 147 % im zweiten Quartal stark zurückgegangen, was einige Investoren enttäuscht hat.
Die Wall Street setzt große Hoffnungen in den Börsengang von Anthropic. In gewisser Weise spiegelt das IPO von Anthropic direkt den Wohlstand der gesamten KI-Branche wider. Sollte der Börsengang nicht reibungslos verlaufen, wird dies auch die Börsenaussichten anderer Unternehmen beeinträchtigen. Zuvor hatte OpenAI sein IPO auf das nächste Jahr verschoben.
Anthropic gibt ständig positive Nachrichten nach außen weiter, um das Vertrauen in das bevorstehende IPO zu stärken. Sie teilten am Investorentag mit, dass das Unternehmen im dritten Quartal einen bereinigten Gewinn erzielt hat. Nach früheren Medienberichten verzeichnete Anthropic im vergangenen Jahr einen operativen Verlust von über 8 Milliarden US-Dollar.
Bislang hat Anthropic fast 20 Finanzierungsrunden abgeschlossen, mit einem gesamten Finanzierungsvolumen von bis zu 1250 Milliarden US-Dollar. Im Mai dieses Jahres kündigte Anthropic den Abschluss einer H-Runden-Finanzierung in Höhe von 650 Milliarden US-Dollar an, mit einer Post-Geld-Bewertung von 965 Milliarden US-Dollar.
Das Wachstum hat sich verlangsamt
Für ein Startup, das erst vor 5 Jahren gegründet wurde, ist das Wachstum von Anthropic ein Wunder.
Im vergangenen Jahr belief sich der Gesamtjahresumsatz von Anthropic auf lediglich 4,6 Milliarden US-Dollar. Doch allein im ersten Quartal dieses Jahres erreichte der Quartalsumsatz 4,7 Milliarden US-Dollar und übertraf damit den gesamten Vorjahresumsatz. Im zweiten Quartal stieg der Umsatz von Anthropic weiter auf 11,6 Milliarden US-Dollar, mit einem sequenziellen Wachstum von bis zu 147 %. Innerhalb von sechs Monaten hat der Umsatz des Unternehmens mehr als das Dreifache des gesamten Vorjahresumsatzes erreicht.
Der enorme Erfolg von Claude Code trägt wesentlich dazu bei. Anthropic hat Claude Code im Mai vergangenen Jahres offiziell der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, das sich auf Programmierszenarien konzentriert und seit Ende letzten Jahres schnell populär geworden ist.
Im Februar dieses Jahres teilte Anthropic mit, dass der annualisierte Umsatz von Claude Code bereits 2,5 Milliarden US-Dollar überschritten hat, was sich gegenüber Jahresbeginn mehr als verdoppelt hat. Das Wachstum stammt dabei hauptsächlich von B2B-Kunden: Die Anzahl der Unternehmensabonnements hat sich auf das Vierfache des Niveaus zu Jahresbeginn erhöht, und die Nutzung durch Unternehmen trägt zu mehr als der Hälfte der Einnahmen bei.
Claude Code
Die Anzahl der Großkunden steigt ebenfalls schnell an. Im Februar dieses Jahres hatte Anthropic mehr als 500 Unternehmenskunden mit einem jährlichen Ausgabenvolumen von über 1 Million US-Dollar, und Anfang April überschritt diese Zahl bereits 1000. Der annualisierte Umsatz von Anthropic stieg von etwa 9 Milliarden US-Dollar Ende letzten Jahres auf über 30 Milliarden US-Dollar Anfang April und überschritt Anfang Mai weiter 47 Milliarden US-Dollar.
Zu dieser Zeit war die Phase des sogenannten Token-Maxxing unter Technologieunternehmen im Silicon Valley in vollem Gange. Viele Technologieunternehmen wie Microsoft, Meta und Amazon haben intern große Token-Ranglisten eingeführt, um Mitarbeiter zu ermutigen, KI stärker bei der Arbeit einzusetzen. Gleichzeitig haben solche Maßnahmen jedoch auch eine Menge unnötigen Rechenverbrauch verursacht, wobei der persönliche monatliche Token-Verbrauch einiger Mitarbeiter sogar über 280 Milliarden lag.
Anthropic hat davon stark profitiert und stand zeitweise sogar vor einem Mangel an Rechenkapazität. Um die Nachfrage zu befriedigen, hat Anthropic nacheinander große Rechenvereinbarungen mit Amazon, Google, Broadcom, Microsoft und NVIDIA unterzeichnet und mit Fluidstack zusammengearbeitet, um Rechenzentren zu bauen. Im Mai dieses Jahres hat Anthropic die gesamte Rechenkapazität des Colossus 1-Rechenzentrums von SpaceX gemietet.
Doch im dritten Quartal verlangsamte sich das Wachstum von Anthropic deutlich: Der sequenzielle Umsatzanstieg sank auf etwa 45 %, und die neuen Einnahmen pro Quartal sanken von etwa 6,9 Milliarden US-Dollar im zweiten Quartal auf etwa 5,2 Milliarden US-Dollar.
Das annualisierte Umsatzwachstum von Anthropic scheint auch nicht den Markterwartungen zu entsprechen. Einige Investoren hatten zuvor optimistisch geschätzt, dass der annualisierte Umsatz von Anthropic bis zum Ende des Jahres weit über 100 Milliarden US-Dollar liegen könnte. Nach Schätzungen des Forschungsinstituts SemiAnalysis liegt der aktuelle annualisierte Umsatz von Anthropic jedoch bei etwa 74 Milliarden US-Dollar.
Anthropic gibt an, dass ein Teil des Umsatzrückgangs auf ihre strengere Kontrolle über das sogenannte Distillieren zurückzuführen ist. Zuvor hatte Anthropic andere KI-Unternehmen ständig beschuldigt, ihre eigenen Modelle zu destillieren, aber diese Destillationen brachten gleichzeitig beträchtliche Einnahmen. Nach Berichten der Financial Times gab Anthropic an, dass die mit der Destillation verbundenen Einnahmen etwa 5 % bis 7 % des Umsatzes ausmachen.
Die alleinige Schuldzuweisung an die Destillation scheint nicht auszureichen, um den starken Rückgang des quartalsweisen Wachstumstempos von Anthropic zu erklären. Einige Marktanalysen gehen davon aus, dass der Wettbewerbsdruck von OpenAI und einer großen Anzahl chinesischer Open-Source-Modelle der direkte Grund für die Verlangsamung des Wachstums von Anthropic ist.
Seit Beginn des Jahres hat OpenAI seine Modelle und das Codex-Programmierungstool kontinuierlich aktualisiert, was den schnell wachsenden Programmiermarkt von Anthropic abzieht. Gleichzeitig üben günstigere chinesische Open-Source-Modelle einen weiteren Preisdruck aus, sodass Anthropic und OpenAI gezwungen sind, Preissenkungen vorzunehmen.
Joey Brookhart, Analyst bei SemiAnalysis, sagte gegenüber der Financial Times, dass Investoren in den letzten drei Monaten ihre Erwartungen an den annualisierten Umsatz von Anthropic ständig nach unten korrigiert haben. „Heute befindet sich Anthropic in einer Situation des Wettbewerbs zwischen zwei Giganten, anstatt im ersten Halbjahr allein zu dominieren.“
Höhere Ausgaben für Rechenkapazität
Im Gegensatz zu früheren Zeiten, in denen das Management von Anthropic bei verschiedenen Gelegenheiten immer auf die Gefahren und Risiken der KI hingewiesen hat, haben der CEO von Anthropic, Dario Amodei, und der CFO Krishna Rao bei diesem Investorentag den Fokus auf die Betriebs- und Rentabilität des Unternehmens gelegt.
Anthropic CEO Dario Amodei
Neben der Mitteilung, dass das Unternehmen im dritten Quartal einen bereinigten Gewinn erzielt hat, hat Anthropic gleichzeitig einen positiven Cashflow erreicht. Für jeden 1 US-Dollar, den sie in Rechenkapazität investieren, erzielen sie einen Umsatz von 1,7 US-Dollar. Nach Abzug der Aufwendungen für Aktienoptionen belief sich die bereinigte Betriebsmarge des Unternehmens in diesem Quartal auf 11 %.
Vor einem Jahr reichten die Einnahmen von Anthropic bei weitem nicht aus, um die Ausgaben zu decken. Aus dem von Reuters erhaltenen Prospekt geht hervor, dass Anthropic im vergangenen Jahr einen Umsatz von etwa 4,6 Milliarden US-Dollar und Betriebskosten von etwa 12,65 Milliarden US-Dollar verzeichnete, was zu einem Betriebsverlust von über 8 Milliarden US-Dollar führte. Davon beliefen sich die Ausgaben für Rechenkapazität und Infrastruktur auf etwa 7,3 Milliarden US-Dollar, was höher war als der gesamte Umsatz des Jahres.
Rechenkapazität ist ein Kostenfaktor, an dem kein KI-Unternehmen vorbeikommt. Um den technologischen Vorsprung zu behalten, müssen Unternehmen für große Modelle enorme Kosten für das Training von Rechenkapazität aufwenden. Mit dem Wachstum der Nutzerzahl und der Aufrufvolumina steigen auch die Ausgaben für die Inferenz ständig. Bei den bereits börsennotierten Unternehmen Zhipu AI und Minimax in China werden mehr als 70 % der Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen für Rechenkapazität verwendet.
Die Ausgaben von Anthropic für Rechenkapazität sind noch höher. Nach Berichten von Reuters gab Anthropic im Prospekt an, dass die Verpflichtungen für Cloud-Dienste, Rechenkapazität und Infrastrukturausgaben mit sechs Partnern in den nächsten zehn Jahren mindestens 5180 Milliarden US-Dollar erreichen werden. Davon sind etwa 80 % nicht kündbar oder müssen unabhängig von der tatsächlichen Nutzung bezahlt werden.
Google und Amazon machen den größten Teil davon aus. Anthropic verpflichtet sich, zwischen April 2026 und Juli 2033 mindestens 111,1 Milliarden US-Dollar an Google zu zahlen, und zwischen Mai 2026 und April 2036 110 Milliarden US-Dollar an Amazon. Gemäß dem Vertrag muss das Unternehmen die Differenz ausgleichen, selbst wenn die tatsächlichen Nutzungsausgaben niedriger sind.
Die Vereinbarung mit Microsoft sieht 31,4 Milliarden US-Dollar vor, wobei die Zahlungsfrist von diesem November bis Mai 2033 reicht. Darüber hinaus übernimmt Anthropic Leasingverpflichtungen für Geräte in Höhe von etwa 161,2 Milliarden US-Dollar im Zusammenhang mit Broadcom, von denen der größte Teil ebenfalls nicht kündbar ist.
Anthropic versucht, den Investoren die Notwendigkeit der enormen Ausgaben für Rechenkapazität zu erläutern. Anthropic gibt an, dass der Zugang zu Rechenkapazität zu einem entscheidenden einschränkenden Faktor für die Entwicklung der künstlichen Intelligenz wird. Die Nachfrage nach fortschrittlichen KI-Systemen wird in Zukunft wahrscheinlich das verfügbare Angebot übersteigen und „hauptsächlich durch die Verfügbarkeit von Rechenkapazität begrenzt“ sein.
Die insgesamt etwa 1250 Milliarden US-Dollar an Mitteln, die Anthropic derzeit durch Finanzierungen erhalten hat, reichen immer noch nicht aus, um die fast astronomischen Rechnungen für Rechenkapazität zu decken. Aus dem Prospekt von Anthropic geht hervor, dass der Gesamtbetrag an Barmitteln, Barmitteläquivalenten und kurzfristigen Investitionen von Anthropic zum 31. Dezember letzten Jahres lediglich 20,28 Milliarden US-Dollar betrug.
Nach der rekordverdächtigen H-Runden-Finanzierung in Höhe von 650 Milliarden US-Dollar ist das IPO fast die einzige Option für Anthropic, um weitere finanzielle Unterstützung zu erhalten. Nach früheren Medienberichten plant Anthropic, einen Betrag von bis zu 1000 Milliarden US-Dollar einzusammeln, was das größte IPO weltweit aller Zeiten werden würde.
Doch für Anthropic, dessen Wachstum sich derzeit verlangsamt, scheint der Markt nicht mehr bereit zu sein, eine höhere Prämie zu zahlen.
Dieser Artikel stammt aus dem WeChat-Offiziellen Konto „Shanshang“, Autor: He Jian, veröffentlicht mit Genehmigung von 36Kr.